Traditionelle chinesische Medizin (TCM)

Was ist TCM?

TCM ist die Abkürzung für die Traditionelle Chinesische Medizin. Diese alte Heilkunde ist ganzheitlich, das heisst, sie sieht Körper, Seele und Geist als eine Einheit. Doch nicht nur das, sie bezieht sich auch auf die anderen Aspekte unseres menschlichen Daseins, z.B. unsere Innenwelt, unser Umfeld, unsere Beziehungen, etc., um so eine grundsätzliche Harmonie der Energien zu erhalten oder wieder herzustellen.

Vor gut 6000 Jahren entstanden die Grundlagen der Chinesischen Medizin mit dem Menschen- und Weltbild aus dem Schamanismus und der Naturphilosophie, welche noch heute ihre Gültigkeit haben, wenn es darum geht, sein Leben im Einklang zu führen. Natürlich braucht es zum Teil eine Übersetzung oder eine Art Weiterführung der alten Lehren, doch für mich sind diese Grundlagen heute noch sehr wertvoll.

Hauptziel dieser östlichen Heilkunde ist es, dass unsere Lebensenergie Qi frei und harmonisch fliesst. So ist Körper, Seele und Geist in Harmonie und der Mensch empfindet dies als Wohlbefinden und Gesundheit.

Untenstehend habe ich für jene, die etwas mehr dazu lesen möchten, eine kleine Auflistung der Themen gemacht, von denen ich denke, dass sie einen guten und kurzen Überblick zur TCM schenken können. Diese Ausführungen sind nicht vollständig, doch hoffe ich, dass Sie einen Einblick in diese tiefgreifende und umfassende Medizin erhalten.



Dao erzeugte eins.
Eins erzeugte zwei.
Zwei erzeugte drei.
Drei erzeugte die Zehntausend Dinge.

Laotse


Naturphilosophie, Daoismus - Dao erzeugte eins

Durch die Beobachtung der Natur erkannten die Chinesen vor vielen Jahren eine grosse Weisheit in allem Lebendigen. Sie lasen daraus bedeutende Erklärungen der vielen Ebenen des Daseins und die verschiedenen Dynamiken der Energie und haben diese Erkenntnisse in der Lebensweise, Philosophie und Heiltradition integriert.

So erkannten die Weisen, dass in allem Lebendigen inhärent eine grundlegende Ordnung vorhanden ist, welche aus sich selbst heraus harmonisch, selbstregulierend und selbstorganisierend ist - spontan und natürlich. Dahinter und jene Ordnung durchdringend ist das Dao. Das ist der Ursprung von allem was ist. Es ist das Unbenennbare, das Namenlose.

So gesehen ist der Mensch, das Universum, das Lebendige und die Erde eine Einheit. Lebt der Mensch so, dass er in dieser Harmonie verwurzelt ist, fliesst seine Energie frei. In diesem Sinne steht der Mensch in einer Wechselbeziehung mit seiner Umwelt, dem Universum und allem, was ist. Und genauso, wie alles Lebendige, wurzelt auch der Mensch in der Ordnung des Dao.

Wer festhält das grosse Urbild
zu dem kommt die Welt.
Sie kommt und wird nicht verletzt
in Ruhe, Gleichheit und Seligkeit.

Laotse

Nähere dich ihm,
und es gibt keinen Anfang;
folge ihm,
und es gibt kein Ende.
Du kannst es nicht verstehen,
du kannst es aber sein,
im eigenen Leben ruhend.

Unbekannt


Yin und Yang - Eins erzeugte zwei.

Aus dieser Lehre des Dao entstand auch die Lehre von Yin und Yang. Sie stehen für die Urkräfte aller Polaritäten. Bekannt ist das Symbol "Tai Chi". Tai bedeutet Ur, Chi bedeutet Mitte. Es ist ein Kreis (Dao) mit einer geschwungenen Mittellinie, die weiss und schwarz trennt. Im Weiss hat es einen schwarzen Punkt. Im Schwarz ist ein weisser Punkt.

Dieses Symbol zeigt uns Menschen, dass das Eine ohne das Andere nicht sein kann. Das Eine ist im Anderen enthalten und umgekehrt. Die zwei Gegensätze bedingen und ergänzen einander und bilden so eine Ganzheit. Das Eine bringt das Andere hervor und umgekehrt. Die zwei sind in Relation zueinander zu verstehen. Wenn man sie betrachtet, sollte es ein wertfreier Blick sein, denn sonst begeht man den Fehler, dass man sie voneinander trennt.

Sobald wir die Ebene der weltlichen Dinge betreten, zeigt sich uns auch die Dualität. Wenn die Sonne einen Berg bescheint, so entsteht eine Schattenseite (Yin) und eine Sonnenseite (Yang). Es gibt Tag (Yang) und Nacht (Yin), innen (Yin) und aussen (Yang), usw.

Die Lehre von Yin und Yang zeigt auch auf, dass die gesuchte Balance eine Dynamische ist. Es ist nichts fix im Universum, sondern sie ist immer wieder neu zu finden.  Es handelt sich nicht um statische oder unveränderliche Zustände, sondern um Phasen in einem viel grösseren Prozess, als wir uns oft ausdenken können. Alles ist im Wandel.

Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle
Und streben nach dem Licht,
und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie.

Laotse


Der ganze Reiz und die ganze
Schönheit des Lebens setzen sich
aus Licht und Schatten zusammen.

(Leo Tolstoi)


Die Lehre vom Qi und den Meridianen – Zwei erzeugte drei

Das Zusammenwirken von Yin und Yang bringt Qi hervor. Qi ist ein Energiepotential zwischen den Polaritäten Yin und Yang. Das Schriftzeichen Qi enthält die chinesischen Zeichen für "Dampf" und "Reis". Qi ist also zugleich Masse (Reis) und Energie (Dampf). Man könnte sagen, dass alle Lebensformen Ausdruck von Qi in verschiedenen Frequenzen oder verschiedenen Stufen der Materialisierung sind.

In der Umgangssprache wird Qi vereinfacht mit Lebensenergie übersetzt. Viele Völker gaben dieser Kraft verschiedene Namen, z.B. "Ki" bei den Japanern, "Mana" bei den Völkern Polynesisens, "Prana" in Indien, "Pneuma" bei den alten Griechen oder "Odem" bei den Germanen. Es ist das, was uns lebensfähig und lebendig macht - der Atem des Lebens.

Nur durch Qi bewegen sich die Planeten, scheint die Sonne, bläst der Wind oder fliesst das Wasser. Qi ist dynamisch und durchdringt und bewegt alles Lebendige. Auch im Menschen ist es das Qi, welches uns atmen oder das Herz schlagen lässt. Es ist die Grundlage, welche Leben ermöglicht. Fliesst diese Energie Qi frei, so sind die Lebensprozesse harmonisch und rhythmisch. 

Was Qi letztendlich ist, weiss niemand. Allerdings ist es möglich, das Qi zu erfahren, z.B. durch die Übungen des Qi Gong und  Tai Ji oder auch in der Akupunkturbehandlung.

Durch die Beobachtung der fliessenden Bewegungen des Qi im Körper entstand das Wissen von den Meridianen (Leitbahnen) und den Akupunkturpunkten. Diese Leitbahnen oder Verbindungen durchziehen unseren Körper wie ein dichtes Netz, sei es an der Oberfläche und in der Peripherie oder im Körperinnern, in den Organen und in den Zellen. Auf vielen dieser Leitbahnen gibt es Orte, wo sich das Qi strudelförmig bündelt. Diese Sammelstellen nennt man Akupunkturpunkte. Jeder dieser Punkte hat ein ganz spezifisches Wirkspektrum. 

Der Weise lebt wie das Wasser.
Das Wasser dient allen Wesen und
Es fordert nichts für sich.
Es existiert unter allen Dingen.
In dieser Hinsicht ist es dem Dao ähnlich.

Laotse

Das Allerweichste auf Erden
wird das Allerhärteste besiegen.
Das Substanzlose kann
selbst da eindringen,
wo kein Zwischenraum ist.

(Laotse)


Die fünf Wandlungsphasen - Drei erzeugt die Zehntausend Dinge

Durch das Qi existiert alles im Mikro- und Makrokosmos. Dies ist mit den zehntausend Dingen angedeutet. Durch das Qi existieren auch die fünf Elemente. Durch das Prinzip der Wandlung nennt man sie auch die fünf Wandlungsphasen. Die zehntausend Dinge - also alles was existiert - können einer oder mehreren Wandlungsphasen zugeordnet werden. 

Auch diese Lehre lasen die alten Weisen aus der Natur und ihren Rhythmen. Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser stehen in zyklischer Wechselwirkung und in Verbindung miteinander. Auch sie sind in ihrem Zusammenwirken zu betrachten, da sie miteinander in Beziehung stehen, einander nähren und kontrollieren. Sie sind also voneinander abhängig und beeinflussen einander. 

So entstand auch das zyklische Weltbild. Auf der Ebene der Dualität ist alles dem Gesetz der Wandlung unterworfen. Es gibt Zeit und Raum. Alles was ist, wird geboren, lebt und stirbt. 

Holz produziert Feuer.
Feuer produziert Erde.
Erde bringt Metall hervor.
Metall produziert Wasser und
Wasser erzeugt das Holz.

Der Geist,
der allen Dingen Leben verleiht,
ist die Liebe.

(Tschu-Li)


Gesundheit und Krankheit im Verständnis der TCM

Die Chinesische Medizin ist mehr funktionell als strukturell orientiert, wobei sie trotzdem beides beinhaltet. Störungen der Gesundheit sind nicht nur Folgen von biologischen, biochemischen und/oder strukturellen oder stofflichen Veränderungen der Gewebe oder Organe, sondern werden als Disharmonie auf der energetischen Ebene verstanden. Symptome sind so auf eine Weise nichts Fixes oder Statisches, wie sie uns so oft vorkommen, sondern sind Ungleichgewichte oder Stagnationen der Energien auf einer feinstofflichen Ebene, welche sich mit der Zeit auch auf der körperlichen Ebene zeigen können.

So sagt man in der TCM ganz vereinfacht: "Fliesst das Qi frei und harmonisch, ist der Mensch (oder das Lebewesen oder die Natur) gesund." Wird der Qi Fluss hingegen durch innere Einflüsse (z.B. verdrängte oder zu starke Emotionen) oder äussere Einflüsse (z.B. Kälte, Hitze, Unfälle, Traumata, Verhaltensweisen, etc.) gestört oder gar blockiert, entsteht Disharmonie. Mit der Zeit kann sie sich als körperliche, psychische oder seelische Beschwerden oder Krankheiten manifestieren, abhängig von der Ebene, welche betroffen ist. 

Die Harmonie dient als Grundlage
der Existenz,
das Wohlwollen ist
der Seele Tugend.

(Laotse)

Alles Weh ist
Heimweh.

(Dianne Connelly)


Die Wurzel der Heilung

Was können wir Menschen beitragen, dass diese beschriebene Harmonie und somit ein heiles Leben möglich wird?

Das ist eine sehr grosse Frage und beinhaltet den Blick auf die vielen Ebenen unseres Daseins.
Es gilt, möglichst alle Lebensbereiche und Aspekte unseres Daseins und unsere Innenwelt in einen Einklang mit unserem Wesen zu führen.  Mit dieser Antwort berühren wir in der Tiefe die spirituelle, geistige Ebene und betreten einen lebenslangen Selbsterkenntnisweg.

Ein Weiser aus frühen Zeiten Chinas würde uns die Wurzel der Heilung vielleicht so erklären: "Wenn sich ein Mensch vom Dao entfernt hat, kann er wieder zurückkehren zum Ursprung - in sich selbst. Es ist ein innerer Weg der Transformation. Wenn der Mensch still ist, ist er in Frieden mit allem, was ist. Dieses tiefe Stillwerden können alle Menschen erfahren, in dem sie innerlich loslassen und leer werden. Es ist ein einfaches Menschsein - ganz natürlich aus sich selbst heraus im jetzigen Augenblick."

In dir sei Leere
und das Denken ruhe.
Zehntausend Dinge
entstehen und vergehen.
Sie wachsen und blühen
und kehren zur Quelle zurück.

(Laotse)

Du musst nicht nach draussen gehen,
um besser zu sehen,
noch aus dem Fenster spähen.
Verweile lieber in der Mitte deines Lebens...
Suche dein Herz und schaue...
Der Weg, etwas zu tun, ist da zu sein.

(Laotse)


Ein geregeltes Leben führen

Ganz vereinfacht und als Grundsatz formuliert geht es darum, in allem den für sich richtigen Mittelweg zu finden. Wer Extreme meidet, der ruht gelassen im Zentrum. Es geht immer um das Prinzip des Gleichgewichtes und der Harmonie.

Ein geregeltes Leben ist aber nicht eine "Regel" und schon gar nicht eine, welche für alle gleich gilt. Es ist viel mehr ein Leben, welches dem eigenen Wesen und seinem Temperament, den eigenen Fähigkeiten und seiner Natur entspricht.

Ganz sicher ist es sinnvoll, für genügend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und körperliche Bewegung zu sorgen. Es ist wichtig, Aktivität und Ruhephasen im Gleichgewicht zu halten. Dies ist für uns Menschen eine tägliche Herausforderung. Besonders in der heutigen Zeit, in der wir uns ständig mit etwas beschäftigen können, wir mit vielen Eindrücken konfrontiert sind und im Alltag meistens stark gefordert werden. Genauso wichtig ist es, die Gelassenheit zu kultivieren, damit auch unsere Gefühlswelt ausgeglichen bleibt. Es ist ratsam, für sich einen Weg zu finden, der einem hilft, in sich zu ruhen. Das kann z.B. durch tägliches Meditieren oder durch Kontemplation geschehen, aber auch durch die achtsamen Bewegungsübungen des Qi Gong oder Tai Ji, Yoga, etc. Dieses Sein bringt Körper, Seele und Geist in Harmonie.

Auf einer tieferen Ebene wird geraten, unser Verhalten in Übereinstimmung mit den Gesetzmässigkeiten der Natur in Einklang zu bringen. Wir dürfen ein von Innen geführtes Leben führen. Dafür sind wir vielleicht aufgerufen, Erworbenes (Konditioniertes) oder Künstliches loszulassen, damit wir im Gleichklang mit unserem eigenen natürlichen Wesen leben und handeln.

In China wurde die Pflege der Lebenskraft und ihr freien Fluss "Yangsheng" genannt. Yangsheng beinhaltet alle Tätigkeiten, welche der Mensch mit der rechten inneren Haltung und der rechten Ausrichtung (Dao) tut. Es ist ein tun im Nichttun. In früherer Zeit umfasste dies nicht nur die Körperübungen des Tai Ji / Qi Gong, sondern auch die Kunst, Lyrik, Musik, etc.; eigentlich alles, was den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit nährt, stärkt und erfreut.  

Der Mensch folgt der Erde.
Die Erde folgt dem Himmel.
Der Himmel folgt dem Tao.
Das Tao folgt sich selbst.

Laotse

Windstille –
selbst die Wolken bewegen sich nicht.
Mit weissem Licht bescheint sie der Mond.
Plötzlich bewegt sich die Luft
und die Blüten
wiegen sich
im Schattentanz.

Chao Hsiu Chen